Personality: Sebastian Hosang (42)
Vom RTL II-Star zum Altenpfleger
Maik Hoffmann gibt es nicht mehr. Eigentlich hat es ihn nie gegeben. Jedenfalls nicht im wirklich wahren Leben. Nur in jenem, das sich Redakteure für die Reality-Daily Soap „Berlin – Tag und Nacht“ bei RTL II ausgedacht hatten. 2014/15 spielte Sebastian (42) gut bezahlt diesen Maik, spärlich tätowiert. Heute lebt er auf dem Land, als zugehackter Pflegefachassistent in der Altenpflege.
Von Volker Müller-Veith (Fotos: privat)
Welcher junge Mensch träumt nicht davon, ein Star zu sein? Und sei es nur ein kleiner als Darsteller in einer Daily Soap auf RTL II. Für Sebastian Hosang (42) wurde dieser Traum 2012 durch einen Zufall Wirklichkeit. Mit einem Festvertrag für eine komplette Staffel mehrfach in Folge. „Das Gehalt lag damals weit über dem, was ich zuvor als Einzelhandelskaufmann verdient hatte. Teilweise war es nicht nur das Doppelte, sondern sogar noch deutlich mehr.“ Beginnend mit der Serie „Schmiede 21“ folgten Rollen in „Köln 50567“ und der Reality-Daily Soap „Berlin – Tag und Nacht“. 2011 gestartet, gibt es sie noch heute. „Im TV Fuß zu fassen ist einfach. Man muss nur etwas bekloppt im Kopf sein“, blickt Sebastian kritisch auf seine Jahre beim Privatfernsehen zurück. 2015 hat er sich für ein anderes Leben entschieden. Um seine Tochter regelmäßig sehen zu können, ging er zurück in seine alte Heimatstadt Magdeburg. Heute lebt er auf dem Land und kümmert sich in einer Anlage für betreutes Wohnen mit separaten Wohnungen um alte Menschen. Seinen glamourösen Jahren trauert er nicht mehr hinterher.
Als er 1984 in Magdeburg auf die Welt kam, gab es noch zwei deutsche Staaten. In eine Zeit hineingeboren, die Ostdeutsche mit einem krassen gesellschaftlichen Umbruch konfrontierte und vor große neue Herausforderungen stellte, lernte er Einzelhandelskaufmann. „Um mir eine eigene Wohnung finanzieren zu können, arbeitete ich als Callcenter-Agent.“ Erfüllt hat ihn das nicht. Also machte er sich in der Gastronomie selbstständig: „Ich wollte eine Franchise-Firma für ‚Schulsoßen‘ aufbauen. Also Schulessen mit verschiedenen Nudelarten und unterschiedlichen Tomatensoßen“, erzählt er. „Dazu muss man wissen, dass es in der DDR solche Schulessen gab.“ Als er eines Tages eine Freundin vom Hauptbahnhof Magdeburg abholen wollte, passierte es: er geriet ins Blickfeld und die Fänge einer TV-Casterin, die für RTL II nach Laiendarstellern für Daily Soaps Ausschau hielt. Mit einem windigen Einstieg köderte sie ihn erfolgreich: „Du wirst es nicht glauben, aber du siehst aus wie Jan Lyke“ – ein erfolgreicher Seriendarsteller.
Für den End-Zwanziger aus der Nachwende-Provinz im Osten begann eine „absolut gute Zeit“, wie sich Sebastian erinnert. „Man nimmt viel mit: Auftritte auf roten Teppichen, den Kontakt zu Großen aus Film und Fernsehen. Das hat mich sehr geprägt.“ Gelernt hat er aber auch: „Die TV-Welt ist ein Haifischbecken. Nicht jeder, der dir freundlich begegnet, meint es gut mit dir.“ 2015 hätte es für ihn noch weiter gehen können. Aber es gab da ein Problem. Eine Herzenssache. Seine Tochter, bei der Mutter in Magdeburg lebend, konnte er nur selten sehen, weil gerade auch an den Wochenenden gedreht wurde. Was seinen Grund in der Spielart des Soap-Formats hatte: Scripted Reality. „Maik, meine Figur, war Türsteher eines Clubs namens Matrix. Weil an existierenden Orten in realen Situationen gefilmt wurde, fanden diese Drehs immer am Wochenende statt.“ Zudem hatte Sebastians Lust an der TV-Arbeit deutlich nachgelassen: er provozierte seinen Rausschmiss.
Und so musste „Yvonne“ von bravo.de am 20. April 2015 berichten: „Schon wieder schlechte Nachrichten für alle Fans von ‚Berlin – Tag und Nacht‘, sie müssen sich vom nächsten Darsteller verabschieden. Sebastian Hosang verlässt die beliebte RTL 2-Serie.“ Sebastian fiel der Abschied leicht: „Ich wollte mich neu entwickeln, gerne etwas mit Menschen machen.“ Und so führt er 11 Jahre später ein ganz anderes Leben als das vermeintlich glamouröse eines TV-Stars. Als ausgebildeter Pflegefachassistent, ordentlich zugehackt, betreut er alte Menschen, erledigt ihre Grundpflege, spritzt Insulin, entleert Katheter. Das wirklich wahre Leben eben, ungescriptet.
Sebastian über seine Tätowierungen, Reaktionen der Umwelt und die Entwicklung von Tattoos zum allgemeinen Lifestyle-Inventar
„Eines meiner Tattoos zeigt ein anatomisches Herz mit einem fehlenden Puzzleteil. Dahinter steckt ein großes Kapitel meines Lebens, das mich stark geprägt hat. Andere Tattoos finde ich einfach ästhetisch schön, ganz ohne tiefere Botschaft. Das mag ich eigentlich auch an Tattoos: Nicht alles muss immer erklärt oder philosophisch aufgeladen werden.
An meinem Arbeitsplatz sind meine Tattoos fast täglich Gesprächsthema. Viele der älteren Damen und Herren wollen wissen, warum man so etwas macht oder sagen ganz direkt, dass sie es nicht schön finden. Andere wiederum interessieren sich sehr für die Motive, stellen viele Fragen und mögen sie sogar. Manche verbinden Tattoos anfangs direkt mit Kriminalität oder einem bestimmten Milieu. Im Alltag merken die meisten aber ziemlich schnell, dass ich damit überhaupt nichts zu tun habe. Gerade in der Pflege zählt am Ende eben doch eher, wie man mit Menschen umgeht, als das, was auf der Haut zu sehen ist.
Die Entwicklung der letzten zehn bis fünfzehn Jahre finde ich insgesamt ziemlich spannend. Früher waren Tattoos oft noch etwas, das aneckte oder zumindest ein klares Statement war. Heute gehören sie fast schon zum allgemeinen Lifestyle-Inventar – für Azubis bis Unternehmensberater. Einerseits ist dadurch etwas von diesem ‚verbotenen‘ Charakter verloren gegangen, andererseits hat die Szene dadurch auch enorm an Qualität gewonnen. Viele Tätowierer sind heute richtige Künstler mit einem sehr eigenen Stil.
Trotz der Entwicklung von Tattoos zum Lifestyle-Produkt glaube ich, dass sie ihren eigentlichen Kern behalten haben: Menschen markieren damit etwas auf ihrer Haut, das zu ihrem Leben gehört. Erinnerung, Verlust, Liebe, Haltung oder manchmal einfach nur einen Moment, den man festhalten wollte. Die Haut wird dadurch fast zu einer Art persönlichem Archiv.“
