BOULEVARD

Die Wahrheit!

Mit Sandra König, Folge 1

Wie sexy ist die Tattooszene?

Tattoomagazine (R.I.P.), Convention-Plakate, Werbung für Pflegeprodukte, Künstlerprofile – wo man hinsieht: Sex sells. Oft mehr als die eigentliche Sache, für die geworben wird (hint hint: Tattoos!). Klar, wer will denn auch nicht unbedingt wissen, wie die Tätowiererin halb nackt aussieht, der man seit Jahren folgt – natürlich nicht vorrangig wegen ihrer Arbeit, sondern weil sie ab und an eben auch mal blankzieht? Spoiler alert: Sie macht das nicht, weil sie es so geil findet, nackt im Internet zu sein, sondern weil das leider mehr Aufmerksamkeit und Likes bringt als qualitativ hochwertige Arbeit.

Ja, es geht um Hautkunst, die sieht man in angezogenem Zustand nun mal nicht immer zufriedenstellend ausreichend. Blanke Haut ist also schon irgendwo zu erwarten, nur: Wen spricht das alles denn eigentlich an? Ganz ehrlich, mich nicht. Weder dümmlich grinsende, spärlich bekleidete Gurkenträgerinnen auf Motorrädern, wie es in den 2000ern üblich war, noch hübsch abgelichtete Hipsterinnen, deren Verkaufsargument in den seltensten Fällen gute Tattoos sind.

Es spricht ja nichts gegen wohldosierte Erotik. Aber bitte nicht immer in billig und plump as fck. Wir bewegen uns in einer Kunstrichtung, die nach Ästhetik schreit, aber überwiegend mit Primark-Qualität abgekanzelt wird. Also entweder haben Tätowierte einfach keinen Geschmack oder sie sind sehr anspruchslos. Und wo zur Hölle sind die nackten Männer? Warum immer nur Titten? Ist das Tattoopublikum mehrheitlich männlich und hetero? Ich denke nicht, aber die Hauptzielgruppe dieser Form der Darstellung sind immer noch: Heteromänner.

Wehe, eine Transperson zeigt Tattoo und dazugehörige Haut, da ist in den Kommentarspalten aber was los. Wehe, zwei Männer zeigen sich in romantischen Kontext, aua, aua, aua. Bei zwei Frauen geht das übrigens seit jeher voll klar: hmm, jaaa, die Bitches, richtich lecker! Das alles kommt so altbacken und rückwärts gewandt daher wie Tradwifes in der Manosphere. Für mich ist das nicht sexy, für mich ist das verklemmt, Endlevel. Die Tattooszene ist nicht sexy, sie ist konservativ, wenig experimentierfreudig und vor allem: wenig Ästhetik-orientiert. Sex muss ballern, er darf um Himmels Willen nicht subtil daherkommen!

Doch in einer Zeit, in der gute Tätowierer im Angesicht des übermächtigen „Schnell, schlecht & billig, weil privat zu Hause“-Angebots das Handtuch werfen müssen, sollten wir uns dringend wieder auf eine gewisse Grundqualität berufen, in der Tattookunst wie auch in ihrer Darstellung nach außen. (Die inzwischen sogar allzu oft von KI erledigt wird, in einer KREATIVEN Branche, das muss man sich mal vorstellen!).

Vielleicht ging es am Ende aber auch nie um Ästhetik, sondern immer nur um die cis-männliche Sichtweise davon, wie Tattoos präsentiert gehören. Aber genau das sollten wir langsam ändern, wenn wir unsere Ansprüche an eine so dauerhaft haltbare Kunst nicht bei Temu bestellt oder in den 90ern vergessen haben.

 

Sandra König tätowiert seit 2008, seit 2017 im eigenen Studio in Rottenburg, südlich von Stuttgart (Baden-Württemberg): Königskind Tattooatelier, Sonnengasse 4, 72108 Rottenburg. www.koenigskind-tattoo.de, Instagram: @koenigskind.tattoos.

Bevor sie im „Tattoo Village“ in Rottenburg das Tätowier-Handwerk lernte, hat sie als Grafikdesignerin und Illustratorin gearbeitet. Am liebsten gestaltet sie sehr fantasievolle Motive im illustrativen Stil, aber auch Black & Grey-Realismus und Ornamentales mag sie. Wenn sie nicht tätowiert, interessiert sie sich für Zeichnen, Reisen, Kraftsport und Musik.

Ab sofort wird Sandra für INK SOCIETY in unregelmäßigen Abständen pointiert und bissig Themen der Tattooszene beleuchten.

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