Personality: Bert Martin (37)
There‘s always a Light
Schon mit 23 hatte Bert den Hals voll – wunderschön tätowiert von Annie Frenzel. Da war er Student (Maschinen-
bau), die Zukunft ungewiss. Heute plant der Dresdner Windkraftanlagen, fest angestellt. Sein bunter Hals? Kein Problem, wie er selbst erzählt.
Fotos: Tani Kahle,
exklusiv für INK SOCIETY
Protokoll: Volker Müller-Veith
BERT: In den 80ern gab es von „The Smiths“ den Song „There is a Light That Never Goes Out“. Dieses Lied war die Grundlage für mein Halstattoo. Eine Petroleumlampe, links und rechts davon Flügel. Jeder soll das sehen können. Die Botschaft: Egal, wie schlecht es dir geht, es ist immer Hoffnung da. Meine eigene Lebenserfahrung bestätigt das. Eine Zeit lang trank ich relativ viel Alkohol. Dann habe ich mich mit einem Kumpel darüber immer wieder ausführlich unterhalten, bis ich Straight Edge wurde – und Veganer. Meine Lebenseinstellung: Versuche, möglichst positiv an das Leben und Probleme ranzugehen. Wer vom Negativen ausgeht, bestätigt es nur. Dass ich mich für Annie Frenzel als Tätowiererin des Motivs entschieden habe, kam so: Ich kannte sie über ein Forum für Tätowierte und Hardcore-Musik und habe ihr einfach geschrieben.
Ingenieur Bert Martin (37) aus Dresden mit seinem Hund an der Elbe. Sein Halstattoo ist über 10 Jahre alt. Seine Karriere behindert hat es nicht.
Aufgewachsen bin ich in Zschopau in Sachsen. Nachwendezeit. Im Städtchen gab es nur ein Tattoostudio. Mit 18 habe ich mich intensiver mit Tattoos beschäftigt, im Internet nach Künstlern gesucht. So bin ich auf Sebastian Domaschke gestoßen, damals noch auf „Myspace“. Eigentlich wollte ich mit einem Arm anfangen. Aber Sebastian fand es cleverer, mit einem großen, flächigen Motiv zu beginnen. So wurde es die Brust. Hinterher war es ein gutes Gefühl, mein erstes Tattoo zu haben. Während des Tätowierens war ich freilich in keiner guten Stimmung. Die erste Stunde war sehr anstrengend. Ich biss die Zähne zusammen. Aber Sebastian sagte, du darfst dich nicht blockieren, du musst den Schmerz zulassen können. Heute versuche ich, den Schmerz umzupolen, ihn zu „genießen“. Meistens funktioniert das gut.
Dresden ist für mich Heimat geworden. Vor allem die „Äußere Neustadt“, das Gründerzeit- und Szeneviertel. Es ist ein angenehmes Gefühl, dort zu leben, in dieser Mischung aus altem Kiez und neuen Denkweisen. Mittlerweile bin ich mit meiner Freundin Janine (38) an den Rand der Äußeren Neustadt gezogen. Mit unseren beiden Kindern (Charlotte, 5, und Valentin, 2). Seit sieben Jahren sind wir zusammen. Seit dem Portrait über mich vor knapp neun Jahren in der ersten Printausgabe von INK SOCIETY hat sich also in meinem Leben außer dem Wohnort einiges verändert. 2017 hatte ich von meinem damaligen Arbeitsplatz erzählt – befristet bei einer Leichtbaufirma, die chinesischen Investoren gehört. Ein Vorstellungsgespräch gab es da nicht.
Im Zuge der Verlängerung meines Vertrags war es erforderlich, ein Bewerbungsfoto für die Weiterbeschäftigung nach China zu übermitteln. Da Tätowierungen dort kulturell vielfach nicht akzeptiert werden, musste der Bildausschnitt entsprechend angepasst werden. Der Fokus wurde so gewählt, dass der Halsbereich – und damit sichtbare Tätowierungen – möglichst dezent gehalten beziehungsweise durch den Bart verdeckt wurden. Letztlich entschieden wir uns jedoch dafür, die Bewerbung ohne Foto einzureichen.
Seit Sommer 2022 bin ich bei einer Berliner Firma angestellt. Sie widmet sich Erneuerbaren Energien, 150 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Ich kümmere mich um die Entwicklung von Windkraftprojekten, in aller Regel vom Home Office in Dresden aus. Viele dieser Projekte sind im ländlichen Raum angesiedelt. Da hat man lange z.B. mit einem Bürgermeister per E-Mail Kontakt. Bis man sich dann das erste Mal vor Ort begegnet und das Gegenüber stutzend sagt: „Ach, Sie sind das“. Anfängliche Skepsis verschwindet schnell, weil ich mit meinen fachlichen Kompetenzen punkten kann.
Wegen meines linken Oberarms hatte ich bei Dennis Bernhardt in Berlin einen Tätowiertermin. Dannis hatte gepostet, dass er mehr Handinnenflächen stechen wolle, zusammen mit einem Flash-Set mit Wanna Dos. Eine Rose hat mir gefallen. Bei solchen Dingen bin ich relativ spontan, warum nicht? Ich habe mich entschieden, mir dieses Rosenmotiv in meine linke Handfläche tätowieren zu lassen. Ehrlich gestanden habe ich mir das Stechen schlimmer vorgestellt, als es am Ende war. Nur das Nachstechen einige Zeit danach war schmerzhaft. Das Abheilen dauerte im Gegensatz zu anderen Körperstellen sehr lange, weil ein „Palm Tattoo“ wesentlich tiefer gestochen wird. Probleme hatte ich nicht. Die Haut hat gespannt, ich habe aber auch nicht übertrieben viel in den ersten Tagen gemacht. Also die Hand nicht überbelastet. Jetzt sieht es einfach gut aus.
