INK SOCIETY - HISTORY
MIT LEIB UND SEELE
Christliche Pilger:innentätowierungen in Loreto
Von Jakob Kerschbaumer
Fotos: Jonatal Carducci

Tätowierszene in Loreto – Druck Anfang 19.Jh
Tattoogeschichte ist nun wirklich das, was man ein weites Feld nennt. Also wo anfangen? Die Geschichte der Tätowierung ist sehr alt, vielleicht sogar so alt wie die Geschichte der Menschheit selbst. Sicher ist sie so alt wie Ötzi, der tätowierte Mann aus dem Eis. Und so alt wie die tätowierten Mumien aus Gebelein in Ägypten. Also schon seit mindestens 5000 Jahren gibt es Menschen, die sich Zeichen, Symbole und Bilder in die Haut ritzen.
Das wäre ein guter Startpunkt, um anzufangen. Aber die Tätowiergeschichte ist eine sehr versponnene Sache: Auf jedem Erdteil entwickelt sich die Tätowierkunst unterschiedlich, Tätowiertraditionen beeinflussen sich gegenseitig, das Ansehen von Tätowierungen steigt und fällt, abhängig von machtpolitischen Entwicklungen. Es gibt zahlreiche Bücher, die versuchen dieses Wirrwarr auf einen Zeitstrahl zu bannen und chronologisch darzulegen – geschrieben von Menschen, die weit mehr Wissen zu dem Thema besitzen als ich. Doch ich denke, ganz egal wo man in die Geschichte von Tätowierungen eintaucht, immer ist es eine Geschichte von Menschen. Von dem was sie bewegt, von ihrem kulturellen Umfeld, von ihren Überzeugungen, von ihren Wünschen. Deshalb will ich dort anfangen, wo ich mich selbst am meisten mit der Geschichte von Tätowierungen verbunden gefühlt habe. In Loreto.
Am 10. Mai 1291, so die Legende, vollzog sich ein wundersames Ereignis. Eine Engelschar lud sich das Haus der heiligen Maria in Nazareth auf die Schultern und trug es durch die Lüfte fort vom angestammten Platz im „Heiligen Land“, um es vor den Wirren des Krieges, der dort tobte, zu schützen. Und die Engel trugen es bis nach Italien, in die heutige Region der Marken, um es dort auf einem Hügel sicher abzusetzen.
Dies ist die fromme Geschichte, die im 15. Jahrhundert aufgezeichnet wurde. Historisch gesichert ist es, dass seit dem 14. Jahrhundert Menschen zu dem Ort pilgern, in dem dieses sagenumwobene Haus steht, nach Loreto. Belegt ist auch, dass sich zumindest seit dem Anfang des 17. Jahrhunderts Pilger:innen, die nach Loreto kamen, tätowieren ließen. Der Ursprung dieser Tradition liegt wohl in der Verbindung zum Nahen Osten. Mit der magischen Übersiedelung des heiligen Hauses sind wahrscheinlich auch die christlichen Tätowierungen, die es auch in Jerusalem noch heute gibt, nach Italien gereist.

Moderne Reproduktionen der Stempel aus Messing
Originale Stempel aus Holz
Bei den Tätowierern, den sogenannten Marcatori, handelte es sich meist um Handwerker, vorwiegend Schuster, welche als Nebenerwerb Pilger tätowierten. Vor allem zu wichtigen Feiertagen, an denen es in Loreto von Pilgerinnen und Pilgern wimmelte, tätowierten die Marcatori auf offener Straße. Sie hatten eine Auswahl an Holzstempeln, in welche verschiedene, vorwiegend christliche Symbole geschnitzt waren: Jesus am Kreuz, der heilige Georg, vor allem aber Maria mit dem Jesuskind. Die Motive wurden auf die Haut gestempelt und anschließend mit Nadeln oder einfachen Metallspitzen von Hand „gepeikert“ – eine Technik die heute vielen als Stick and Poke bekannt ist.
Die meisten, die nach Loreto pilgerten, kamen aus den umliegenden Regionen, aber auch aus dem übrigen Italien und aus anderen Teilen Europas, viele davon zu Fuß. So eine Reise war für Menschen in der Vergangenheit eine sehr gefährliche und oft einmalige Erfahrung, und man wollte dieses Erlebnis in irgendeiner Form für sich bewahren. Daher wurden kleine Medaillen aus Metall an Pilger:innen verkauft, die als Erinnerungsstücke dienten. Die sogenannten Pilgerzeichen zeigten meist Heilige oder deren Attribute und neben ihrer Funktion als Souvenir wurde ihnen auch wundersame Wirkung zugeschrieben. So wurden die Abzeichen Kranken zur Heilung aufgelegt, sie sollten vor Unglück schützen oder ertragreiche Ernte bringen, wenn man sie im Feld vergrub.
Man trug die Amulette sichtbar an der Kleidung, da sie nicht nur Schutz vor bösen Kräften boten, sondern auch vor der Willkür von Soldaten, Behörden und selbst Räuber sahen oft aus abergläubischer Gottesfurcht vor Überfällen ab. Und ebendiese Funktionen übernahmen auch die religiösen Tätowierungen in Loreto, sie dienten nicht nur als Beweis der Frömmigkeit der Trägerin oder des Trägers, sondern sollten diese zum Beispiel auch vor Schlangenbissen schützen und den bösen Blick abwehren.
Der letzte Marcatore, Leonardo Conditi, starb 1950. Er war Schuster und tätowierte Menschen, die nach Loreto pilgerten. Da es in dieser Zeit aus hygienischen Gründen durch die Behörden verboten war zu tätowieren, geschah dies im Geheimen in einem Hinterzimmer der Schusterwerkstatt. Sein Enkel Gianfranco, ein Mann Mitte achzig, erinnert sich daran, als Kind vor der Werkstatt Schmiere gestanden zu haben, während sein Opa tätowierte. Er erzählt auch, dass die Gegenleistung meist Lebensmittel, wie Mehl oder Eier waren.
Der letzte Marcatore Leonardo Conditi (sitzend vorne) mit seiner Familie
Mit dem Tod von Leonardo Conditi verschwand auch die Pilger:innentätowierung aus Loreto. Jedoch nicht für lange Zeit! Jonatal, „Jona“ Carducci, führt die Tradition seit 2019 in seinem Laden weiter, nur wenige Häuser von der ehemaligen Schusterwerkstatt des letzten Marcatore entfernt. Die Stempel, die er verwendet, sind Messingreproduktionen der originalen Holzstempel und er peikert die Motive natürlich, im Sinne der Tradition, von Hand.
„Man würde vielleicht denken, es sei langweilig immer dieselben Symbole zu tätowieren“, sagt mir Jona und blickt mit einem verschmitzten Lächeln von seiner Arbeit auf. „Aber das ist es keineswegs, weil hinter jedem Symbol eine persönliche Geschichte steckt! Auch wenn sich 100 Menschen dasselbe Symbol stechen lassen, dann stehen dahinter 100 individuelle Geschichten.“
Pilger:innentätowierungen von Jonatal Carducci
Es ist 2021, Jona sticht mir das Symbol der sette dolori di maria in die Haut: Ein Herz, durchspießt von sieben Messern, während mein Blick voller Ehrfurcht durch seinen Laden schweift, der voll von Tätowier-Memorabilia ist. Die Wände zieren Bilder und Zeichnungen von Tätowierer:innen, in Schaukästen liegen originale Tätowierstempel, die schwarz sind von der Tinte, die das Holz Jahre lang aufgesogen hat, es gibt ein altes Tätowierwerkzeug, das aussieht wie ein aufwendig von Hand geschnitzter Zauberstab. Vielleicht sind es auch ein bisschen die Nachwirkungen der sehr anstrengenden vergangenen Tage auf Pilgerschaft unter der brütenden Junisonne Italiens, doch hier an diesem Ort, der so reich an Tätowiergeschichte ist, überkommt mich eine fast feierliche Stimmung.
JAKOB KERSCHBAUMER ist 1993 in Südtirol geboren und lebt in Wien:
„2013 habe ich zu tätowieren begonnen. Seitdem hatte ich das Glück, mit vielen Menschen zu arbeiten, die sich schon sehr viel länger als ich der Tätowierkunst verschrieben haben.
Da ich Geschichten liebe, habe ich immer voller Staunen ihren Erzählungen von der Tattoowelt der 80er und 90er Jahre gelauscht. Das hat meine Begeisterung für die Tätowiergeschichte geweckt.
Über die letzten Jahre habe ich einen Teil meiner Arbeit der Vermittlung von Tätowiergeschichte und Tätowierkultur gewidmet – indem ich Wissen darüber teile, Texte schreibe und Veranstaltungen zum Thema organisiere.“
