INK SOCIETY - HISTORY

Kulturgeschichte des kommerziellen Tätowierens

Matt Lodders Buch „TATTOOS – Die Geschichte des Tätowierens“ ist ein Muss für jeden echten Tattoofan

2025 im kleinen, feinen Schweizer Haupt Verlag erschienen, darf das umfangreiche und reich bebilderte Werk des englischen Universitätsdozenten Dr. Matt Lodder schon heute als Standardwerk zur „Geschichte des Tätowierens im Westen als professionelle und kommerzielle Praxis“ gelten.

Buchbesprechung: Volker Müller-Veith
Abbildungen aus dem Buch, mit freundlicher Genehmigung des Haupt Verlags

Dr. Matt Lodder geht es nicht um die subkulturelle Praxis des Tätowierens z.B. in den Knästen oder auf den Schiffen dieser Welt. Sein Fokus liegt auf dem Tätowieren als einer professionellen Praxis im Westen in der Absicht, damit Geld zu verdienen. Der Tätowierer als Anbieter und Verkäufer einer Leistung, die tätowierte Person als zahlende(r) Kundin oder Kunde. Und damit beginnt seine Kultur- und Wirtschaftsgeschichte des Tätowierens 1719, vor rund 300 Jahren. Auf dieses Jahr datiert der älteste bisher entdeckte Bericht eines Engländers, der behauptete, mit dem Einstechen von Motiven in die Haut sein Geld zu verdienen. Diese rund 300 Jahre fächert Lodder in zehn Kapiteln auf, äußerst reich bebildert. Von Kapitel 1 („Tätowierungen in Westeuropa vor der Öffnung Japans“) über Kapitel 3 („Tätowierkunst in der feinen Gesellschaft“) und Kapitel 4 („Tätowieren im und nach dem Krieg“) – gemeint ist der Erste Weltkrieg und die Zeit bis 1939 – sowie Kapitel 5 („Tätowieren im Zweiten Weltkrieg“) und Kapitel 6 („Tattoo-Winter“) bis hin zu zeitgeschichtlichen Betrachtungen.

Diese Betrachtungen zu den Entwicklungen ab etwa 1980 finde ich als älterer Tattoofan besonders spannend. Als jemand, der bereits in den 80er und 90er Jahren des letzten Jahrhunderts seine Tattooleidenschaft empfunden hat. Und schließlich mit 26 Jahren – für heutige Verhältnisse ungewöhnlich spät erst – begonnen hat, sie via bezahlter Sitzungen bei deutschen Tätowierkünstlern auszuleben. So geht es in Kapitel 9 um das Jahrzehnt ab 1980 („Von der ‚TattooTime‘ bis zu ‚Modern Primitives‘“) und im Kapitel 10 schließlich um das darauffolgende Jahrzehnt („So alt wie die Zeit, so postmodern wie das Morgen“). Witzig das Zitat aus der Zeitung „Financial Times“ von 2003: „Das Tätowieren, einst die exklusive, wenig anspruchsvolle Domäne der Matrosen, Soldaten und Biker, wird demnächst ins ständige Angebot von Selfridges aufgenommen, dem Lieblingsort der Londoner Fashionistas.“

Und die Jahrzehnte seit 2000? Die beleuchtet Matt Lodder nur kurz im „Epilog“. Wer wollte auch die Geschichte der Tätowierkunst z.B. alleine in Deutschland in den letzten zehn Jahren so erzählen, dass sich alle wichtigen der viele tausend Tätowiererinnen und Tätowierer hinreichend gewürdigt sehen? Es ist verdammt unübersichtlich geworden – Tattoos mega im Lifestyle-Mainstream junger Menschen. Und ein Ende der Entwicklung ist nicht abzusehen. Wobei natürlich immer auch Kreise junger Menschen Bestand haben werden, die Tattoos ablehnen und als entstellend empfinden. Die anderen aber, die gehen immer weiter. Lassen sich immer mehr, immer heftiger tätowieren, hoch bis zum Kinn und ins Gesicht hinein. Matt Lodder 2024: „Für diejenigen, die die Faszination des Tätowierens tief in sich spüren, in all seiner Romantik und Rätselhaftigkeit, wird es immer etwas zutiefst Magisches haben, unauslöschliche Spuren auf der Haut zu hinterlassen.“

Matt Lodder
„TATTOOS – Die Geschichte des Tätowierens“
Haupt Verlag 2025, 224 Seiten, 38,00 €

INK SOCIETY empfiehlt den Kauf in deiner lokalen, meist inhabergeführten Buchhandlung oder direkt im Shop des Verlags: www.haupt.ch.

Für Deutschland und die gesamte EU wird das Buch über die Brockhaus Kommissionsgeschäft GmbH in D-70806 Kornwestheim ausgeliefert.

Vier Auszüge aus dem Buch

Auszug 1

„Dieses Buch erzählt die Geschichte des Tätowierens im Westen von ihren Anfängen im Jahr 1719 – laut dem ältesten bisher entdeckten Bericht eines Engländers, der behauptete, mit dem Einstechen von Motiven in die Haut Geld zu verdienen – bis zu der unüberschaubar großen Tätowierbranche heute, rund dreihundert Jahre später. Im Laufe der Jahrhunderte vergoss die Regenbogenpresse viel Tinte über den eingebildeten Wandel einer einfachen, intimen Kunstform, die wohl ausschließlich Matrosen und Gefängnisinsassen vorbehalten war, zu einem schillernden, keimfreien Kulturphänomen – trendig, jedes echten Gegenkultur-Bisses beraubt und überall auf den großen Einkaufsstraßen der modernen Welt zu finden. Doch wie wir sehen werden, leidet die europäisch-amerikanische Mainstreamkultur schon lange an einer anhaltenden Amnesie, was die Geschichte des Tätowierens im Westen betrifft, und ließ sich ein ums andere Mal überraschen und schockieren vom immer wieder ‚neuen‘ Aufstieg des Tätowierens aus seinen Anfängen in Hinterhöfen und Werften – so jedenfalls stellten es sich die Berichtenden vor – zu einer ‚akzeptablen‘, angesagten Modeerscheinung.

Zum großen Teil ist diese Amnesie das Ergebnis eines fehlenden Zugangs zu guten Informationen. Bücher wie dieses, die akademische Forschung mit Insiderinformationen aus der Tattoobranche kombinieren, waren für Verlage lange Zeit schwierige Projekte. Im Mai 1967 beispielsweise erhielt der Fotograf und Korsetthersteller Roland Loomis einen enttäuschenden Brief von Wallace Exman, einem Lektor der World Publishing Company in Ohio. ‚Lieber Mr. Loomis‘, schrieb Exman, ‚natürlich sind die Fotografien (, die sie uns geschickt haben,) hochwertig und präsentieren das Thema sehr gut und höchst geschmackvoll. Die Zielgruppe für eine recht teure Abhandlung über die Kunst des Tätowierens ist jedoch unserer Meinung nach äußerst klein.‘“

Auszug 2

„Ich möchte hier den Rahmen für eine Geschichte des Tätowierens im Westen als professionelle und kommerzielle Praxis neu spannen, um es deutlich von seinen Begegnungen und Dialogen mit indigenen Tattookulturen in Nord- und Südamerika, Südost- und Ostasien, Nordafrika und Ozeanien zu unterscheiden und auch von der volkstümlichen, privaten und amateurhaften Ausübung durch Matrosen, Gefängnisinsassen und all diejenigen, die die Haut anderer verzierten, aber für die das Tätowieren kein Teil einer kommerziellen, öffentlichen Berufsausübung war. Wo solche Kulturen und Subkulturen maßgeblich zur Entwicklung des kommerziellen Tätowierens beitrugen, werden sie natürlich genannt, aber den lüsternen soziologischen oder anthropologischen Blick möchte ich vermeiden. Die spezifischen Einzelheiten und Wonnen des Tätowierens im Gefängnis, unter Matrosen, unter Bikern und in Gangs sowie kulturell und subkulturell normatives Tätowieren jeder Art sollten besser an anderer Stelle erörtert werden. Vor allem möchte ich mich in diesem Buch fast ausschließlich auf die Künstler:innen selbst konzentrieren und auf ihre Einflüsse, Innovationen und Verbindungen untereinander, denn auch wenn die Beschäftigung mit dem Leben und den Geschichten ihrer Kundschaft – der tätowierten Männer und Frauen in der gesamten Geschichte – von großem Wert und Interesse ist, wurde die spezifische Arbeit der Künstler:innen allzu oft vernachlässigt, wenn es um das Verständnis des Tätowierens über die Branche hinaus ging. Ich ziehe dazu hauptsächlich Aussagen von Tätowierer:innen selbst heran, über Interviews in Zeitungen und Zeitschriften, privates Archivmaterial, unveröffentlichte Branchenmagazine, selbst verlegte Bücher und in späteren Kapiteln aus Interviews mit Schlüsselfiguren der Branche, die ich im Laufe meiner Karriere geführt habe.“

 

Auszug 3

„Von der Gründung des ersten öffentlichen Tattoostudios in den späten 1850er-Jahren bis zum ersten echten Boom des modernen westlichen Berufs in den 1870er-, 1880er- und 1890er-Jahren zeichnet das Buch das spezielle und oft überraschend engmaschige Netzwerk der Künstler:innen mit öffentlicher Sichtbarkeit und Einfluss in der Branche nach. Mit diesem Ansatz kann ich natürlich viele wunderbare und einflussreiche Tätowierer:innen nur beiläufig streifen oder überhaupt nicht erwähnen, und nach der Jahrtausendwende lässt er sich unmöglich weiterverfolgen. Aber er macht ein zusammenhängendes und direktes Bild einer leidenschaftlichen, kreativen und manchmal gespaltenen Gruppe von Kunstschaffenden möglich – die größtenteils, aber keineswegs ausschließlich aus Männern in Kalifornien, London und Deutschland bestehen -, deren kollektives Bestreben die Grundlagen für die Form der heutigen Tattoobranche, ihre Arbeitspraktiken und ihre Designsprachen legte. Diese Schlüsselfiguren kann sich direkt und indirekt, und einige von ihnen sind von zentraler Bedeutung für den Aufbau der modernen Tattoobranche durch Freundschaften und Rivalitäten. Beim Nachzeichnen des Netzwerks tritt ein Kern aus Individuen von unduldsamer Intelligenz zutage – bahnbrechende Zeichner, schlaue Tüftlerinnen und Problemlöser und lebhafte, wenn auch manchmal bissige Erzählerinnen und Selbstdarsteller. Viele hatten eine umfassende akademische Ausbildung in den Künsten, genauso viele allerdings besaßen kein derartiges Stück Papier. Doch das wahrhafte, einende Merkmal aller hier Genannten war ihre unermüdliche Begeisterung für die unvergleichliche Magie des Tätowierens und ihr Wunsch, es wachsen und mit Respekt als echtes, eigenes Kunsthandwerk behandelt zu sehen.“

 

Auszug 4

„Tatsächlich brache Cook von seiner ersten Reise das tahitianische Wort für das Einstechen und Färben der Haut mit, tatau, das im Englischen bald zu ‚Tattoo‘ assimiliert wurde. Seit der Mitte des 17. Jahrhunderts wurde mit diesem lautmalerischen Begriff, dessen Silben an das rhythmische Schlagen einer Trommel – Ta!Too! – denken lassen, im Englischen bereits eine militärische Musikparade bezeichnet. Da in Tahiti beim Tätowieren in rascher Folge mit einer Art Hammer auf einen Tätowierkamm geschlagen wird, entstand wahrscheinlich auch tatau aus dem entsprechenden Geräusch. Als englische Schriftsteller Cook von tatau erzählen hörten, nahm das Wort rasch die schon bekannte englische Schreibweise an.“

 

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