Die große INK SOCIETY - STORY
Best Blackwork aus Berlin
30 JAHRE BLUT & EISEN
Blackwork – gerne bold – ist der vielleicht größte aktuelle Tattoo-Trend in Deutschland. Den Stil erfunden haben die Deutschen natürlich nicht. Doch es gibt ein Studio in Berlin, das seit 30 Jahren in diesem Bereich Maßstäbe setzt. Für den deutschsprachigen Raum und darüber hinaus. Geführt wird es von einer Tätowiererin, der die physischen und digitalen Szene-Stammtische ziemlich egal sind: Yvonne Ziegler (52).
Fotos: Barbara Dietl (Portraits Yvonne Ziegler),
Blut & Eisen
Text: Volker Müller-Veith, Blut & Eisen
1996 in Berlin, es ist Frühling. Seit sechseinhalb Jahren trennt den Westen und den Ostteil der Stadt keine Mauer mehr. Yvonne, 22, hat nach dem Abi in Berlin-Charlottenburg angefangen, Industrie-Design zu studieren. Eine Tribal-Sonne schmückt ihre Brust. „Das habe ich stechen lassen, wo es am günstigsten war, schief und lieblos dahingeklatscht.“ Ihre Eltern? Sehr bürgerlich. „Gerade deshalb musste es sein. Weil es für sie das Schlimmste war.“ Als Stil-Protest diente ihr nicht Techno, was damals in Berlin Musik- und Clubgeschichte schrieb. „Ich war mehr ein Gothic-Kind, nahm aber auch die Fetischszene wahr und zog durch Technoclubs.“
Etwa 1994 hatte sie Mario kennengelernt, eine auffällige Erscheinung. Der war damals Piercer in Berit Ulhorns „Tatau obscur“ in Kreuzberg. „Da hing ich viel herum, machte mich etwas nützlich. Ab 1995 tätowierte ich.“ Aus der Lovestory mit Mario heraus (Trennung 2002) entsteht schnell ein Plan: sich selbstständig zu machen, mit einem eigenen Laden. In Berlin-Mitte, der Alten Schönhauser Straße, eröffnen sie im April 1996 „Blut & Eisen“. Hohe Räume, nur 45 Quadratmeter, kein Keller. Dafür sehr günstig. Schon bald stößt Hannes Urs Gastmann als weiterer Tätowierer hinzu. Und auch der als „härtester Türsteher der Welt“ berühmt gewordene Fotograf Sven Marquardt wirkt mit, „Blut & Eisen“ insbesondere in der Techno- und Clubszene als „Place to be tattooed“ zu etablieren. „Auch viele Persönlichkeiten aus der großen und interessanten Berliner Schwulenszene zählten schnell zu unserer Stammkundschaft“ erzählt Yvonne.
Yvonne Ziegler mit Ex-Partner
Mario Mitte/Ende der 90er Jahre.
Wie war das Mitte der 90er Jahre in Berlin mit der Tattooszene? Viele Tattoofans und auch etliche Tätowierer/innen von heute wurden da gerade erst geboren oder besuchten eine Kindertagesstätte/den Kindergarten. Das erste deutsche Tattoomagazin („TätowierMagazin“) war 1994 gegründet worden und anfangs ein Zwei Monats-Titel. Yvonne erinnert sich: „Die paar Studios, die es in Berlin gab, waren in der Hand von Rockerclubs. Es war ein hartes, abgeschottetes Pflaster. In dem Studio, in dem ich mir die Tribal-Sonne habe stechen lassen, sagte man mir: ‚Man wird nur Tätowierer, wenn man in einem Motorradclub ist. Und als Frau schon mal gar nicht.‘“
Yvonne aber war und ist eine Frau. Und sie wollte Tätowiererin werden. „In den ersten Jahren mit unserem Studio waren wir mit Überleben beschäftigt. Es gab eingeschlagene Scheiben und Angriffe mit Buttersäure. Anrufer raunten ins Telefon, man werde vorbeikommen und uns die Arme brechen. Es war alles andere als das Business-Ding von heute.“ Ende der 90er hörte der Terror auf. Die Polizei kümmerte sich. Langsam konnte die Tattooszene vom Milieu der (Klein-)Kriminellen befreit werden und dadurch beginnen, das Image des Verruchten abzustreifen. Langsam, sehr langsam.
Ungewöhnlich war an Yvonne in den 90ern nicht nur, dass sie als Frau tätowierte. Es waren auch ihre bevorzugten Motive. Nicht Kleinteiliges und Blümchen. Das Klischee von Tattoomotiven, die Frau stechen. „Mir ging es von Anfang an um die Wirkung auf den ganzen Körper. Ich wollte den ganzen Körper gestalten und in seiner optischen Wirkung verändern.“ Damit war sie Ende der 90er Jahre einzigartig im deutschsprachigen Raum und damit Wegbereiterin des heutigen Blackwork-Trends. Worauf sie zweifelsohne stolz sein darf.
Passé sind die Jahre in der Alten Schönhauser Straße. Die ist heutzutage kaum wiederzuerkennen. Ein teurer Fashion-Store neben dem anderen – sowie viele Lokale mit Food-Konzepten und hohen Preisen für ein hippes und wohlhabendes (Touristen-) Publikum. „Blut & Eisen“ gibt es hier schon lange nicht mehr. Alles viel zu teuer geworden, unbezahlbar. Der Laden ist seit 2014 im Prenzlauer Berg zu finden, nun mit Yvonne als alleiniger Inhaberin, in der Stargarder Straße. Auch hier ist es recht chic geworden, die Passanten sind meist relativ jung und nicht gerade arm. Aber die 120 Quadratmeter plus Keller sind günstiger als die Miete zuletzt in der Alten Schönhauser und bieten Platz für zwölf außergewöhnliche Tätowiererinnen und Tätowierer. Freilich sind nicht immer alle gleichzeitig da. „In meinen ersten Jahren als Tätowiererin hatte ich das Gefühl, ich muss alle Kundenanfragen abarbeiten. Jüngere Tätowierer/innen wollen nicht mehr nur ranklotzen und fünf Tage die Woche tätowieren.“ Da passt es ja, dass für eine Fünf Tage-Woche bei den meisten gar nicht genug Kundennachfragen vorhanden wären.
Wer „Blut & Eisen“ hört, wird kaum über die Bedeutung dieses Ausdrucks nachdenken. In den 90ern war Yvonne, Mario & Team nur bekannt, dass „Blut & Eisen“ eine linke Punkband ist. Wer heute bei Wikipedia nachliest, erfährt z.B.: „Nach dem ersten Weltkrieg bildete ‚Blut & Eisen‘ für rechtsextreme Kräfte einen historischen Gegensatz zu der als machtstaatlich schwach empfundenen Regierung der Weimarer Republik. Die Nationalsozialisten versuchten, sich in die außenpolitische Tradition von Bismarcks ‚Blut-und-Eisen‘-Politik zu stellen.“ Yvonne würde „Blut & Eisen“ nicht mehr als Studionamen wählen. Aber er ist eingeführt und weltweit bekannt. Und die linke Punkband, die so heißt? Gibt es immer noch.
Service
Blut & Eisen
Stargarder Str. 7, 10437 Berlin/ Deutschland
Di.-Sa.: 12-19 Uhr
Tel.: 030 2831982/ 0151 67067080
Mail: info@blutundeisen.de
Instagram: blut_und_eisen_tattoo
Die zwölf außergewöhnlichen Blut & Eisen-Künstler/innen
Yvonne Ziegler

„Mir gefällt besonders, mit der Tätowierung die Wirkung des ganzen Körpers oder einzelner Körperteile zu verändern. Ich liebe große Freehand Blackwork-Designs, angelehnt an Südsee, Samoa, Marquesa, Maori, Ainu, Kalinga, Borneo, Inuit; keltische, skytische usw. Motive, gerne auch gekreuzt mit mystischen Symbolen und westlich/fernöstlichen Ornamenten, Schriften, sowie alte und neue Woodcut, Holzschnitt, Kupferstich-Darstellungen, Tier- und Pflanzenwelt, mythologische Szenen und Kreaturen.“
Hannes-Urs Gastmann-Myahara

„Geboren wurde ich 1975 in West-Berlin. Ich bin von Anfang an bei Blut & Eisen dabei, anfangs als Shop Boy und seit 1999 als Tätowierer. Ich mache im weitesten Sinne Blackwork: Abstrakte schwarze Tätowierungen, gerne mit Dots und Patterns, strenge Schriften und Symbole. Ich lasse mich von den verschiedenen Traditionen der Südsee inspirieren.“
Ivan Duso

„Ich begann 2014 bei Blut & Eisen zu arbeiten. Mein Tätowierstil basiert auf kräftigem Blackwork mit dunklen, abstrakten Einflüssen. Ich gestalte gerne große, kraftvolle, sowie kleinere grafische Tattoos. Meine Arbeiten vermischen oft solide schwarze Formen mit dynamischen Tintenklecksen, Pinselstrich-Texturen und präzisen geometrischen Elementen. Gerne arbeite ich auch an dunklen, illustrativen Motiven, oft reich an symbolischen oder dramatischen Details.“
Kathrin Englert

„2012 wurde ich bei Blut & Eisen herzlich aufgenommen. Seitdem kann ich all die Blackwork-Variationen ausleben, die mich so sehr begeistern: Bold Black, Dotwork, Cover-ups, Fineline, grafische Elemente. Aber auch an figurativen oder ganz kleinen Motiven habe ich meine Freude.“
Donovan Hernandez

„Ich komme aus Mexiko-Stadt, tätowiere seit 2008. Für mich dreht sich alles um starke, solide Arbeiten, die lange halten. Ich kombiniere gerne American Traditional, Black & Grey, Japanisch und Neo-Traditional. Außerdem bringe ich gerne einen Hauch von ‚90s Biker Style‘ in meine Arbeiten ein. Mein Fokus liegt darauf, die Tradition am Leben zu erhalten und gleichzeitig jedes Motiv kraftvoll, sauber und zeitlos zu gestalten.“
Gerhard Wiesbeck

„Seit 2000 bin ich professioneller Tätowierer. Nach einigen Stationen in verschiedenen Studios habe ich in Landshut das ‚Time Traveling Tattoo‘ eröffnet und zehn Jahre lang betrieben. Seit 2015 bin ich nun bei Blut & Eisen. Gerne arbeite ich konzeptionell mit Einflüssen aus Blackwork, Art nouveau, Art Deco, Bauhaus, Tribal und Dotwork. Meinen Fokus lege ich auf größere Körperkonzepte, bin aber auch für andere Dinge zu begeistern.“
Ryo

„2005 habe ich in einem kleinen Streetshop in New York angefangen zu tätowieren. Seit 2017 arbeite ich bei Blut & Eisen. Aktuell interessiert mich ein gemischter Stil aus Japanisch, Dotwork und Blackwork. Ich mache gerne Cover-ups, Blastover und Aufarbeitung bereits vorhandener Tattoos. Ich finde es spannend, gute Lösungen zu erarbeiten, die zu jeder Person und deren Körper gut passen.“
Pierluigi Deliperi

Geboren und aufgewachsen bin ich in Italien. Seit 2019 wohne und arbeite ich in Berlin im Blut & Eisen. Mit über zwei Jahrzehnten Erfahrung gilt meine Leidenschaft dem Kreieren von Blackwork und Dotwork Tattoos. Stets versuche ich, Designs zu kreieren, die mit der natürlichen Körperform harmonieren.“
Marcel Birkenhauer

„1989 wurde ich in Ostdeutschland geboren und wuchs in einem Berliner Vorort auf. Im März 2021 wurde ich Teil von Blut & Eisen und entwickle seither meine Fähigkeiten weiter, besonders im Bezug auf Darkart, Blastover, Cover-up, Schriften und Blackwork. Ich schätze eine freundliche, offene und respektvolle Arbeitsatmosphäre mit meinen Kunden, Kollegen und Kolleginnen.“
Camillo Donoso

„Ich bin halb Chilene, halb Brasilianer und lebe seit 2016 in Berlin. Als Tätowierer bin ich stilistisch sehr flexibel. Am liebsten mache ich jedoch Blackwork mit geometrischen Mustern, Dotwork und Heavy Black. Gerne tätowiere ich polynesisch inspirierte Motive und kombiniere verschiedene Tribal-Patterns zu eigenen Kompositionen. Außerdem liebe ich den japanischen Stil.“
