Künstlerportrait TOP UNTER 30: Melvin Paa, Paaradox Tattoo

Tätowieren: Liebe seines Lebens

Es geschah an seinem 20. Geburtstag. Melvin ab-solvierte seinen ersten Praktikumstag in einem Tattoostudio. „Danach war ich verliebt. Ich wußte, das will ich mein Leben lang machen“, erzählt der ausgebildete Industriekaufmann. Seit acht Jahren tätowiert er, seit zwei Jahren in seinem eigenen Studio in seiner Heimatstadt.

Fotos: Adrian Derst,
exklusiv für INK SOCIETY
Text: Volker Müller-Veith

Warum verliebt ins Tätowieren? „Der Grundantrieb ist Kreativität“, erzählt der ausgeglichene und sympathische 28-jährige. Von Aussehen und Wesen her der perfekte Schwiegersohn für jedes ältere fränkische Ehepaar, mit modisch gefasster Brille – wenn bloß die Tattoos auf Hals, Händen und im Gesicht nicht wären. Sich kreativ ausleben zu können, motiviert Melvin. „Dazu kommt das Zwischenmenschliche – nach meiner Lehre wollte ich mein Abi nachholen, um Psychologie zu studieren. Und dann interessiert mich das Handwerkliche am Tätowieren, die Kunst dahinter.“ Auch, dass er als Tätowierer selbstbestimmt arbeiten kann, motiviert ihn. Eine Menge Gründe, das Tätowier-Handwerk und das Drumherum zu lieben, besonders den Umgang mit fremden Menschen in ihrer Rolle als Kunden.

 

Kreativ war Melvin schon in seiner Schul- und Ausbildungszeit. So sprayte er Graffiti. Der Vater, Mechaniker und konservativ, fragte seinen Sohn, als er von dessen Berufswunsch erfuhr: „Ist das denn ein richtiger Job? Kann man damit Geld verdienen?“ Die Mutter, Verkäuferin und sehr emotional, stimmte zu. Aus tiefer Mutterliebe. Nach seinem Praktikum absolvierte er in dem Tattoostudio die Art von Ausbildung, wie sie einige anbieten. Insgesamt sechs Jahre brachte er dort kunstvoll Tinte unter bzw. in die Haut. Im März 2024 eröffnete er mit 26 Jahren sein eigenes Studio in der schmucken Altstadt von Hersbruck östlich von Nürnberg. Das eigene Tattoo-Business – ein Traum vieler junger Menschen heutzutage. Trotzdem frage ich Melvin: „Was das so jung nicht mutig, mit 26 Jahren?“ Melvin überlegt nicht lange: „Dafür habe ich nicht viel Mut gebraucht. Es war eine klare Entscheidung: Ich wollte mein eigenes Studio.“ Selbstbewusst und selbstbestimmt.

In seinem Laden tätowiert er alleine. Bereits Anfang 2026 war er für das komplette Jahr ausgebucht. Um (Stamm-)Kunden nicht ein Jahr lang auf einen Termin warten lassen zu müssen, sucht er nach einem Tätowierer, der sich in seinem Studio als Resident ansiedelt (galt bei Redaktionsschluss Ende Februar 2026). Geschlecht? Egal. Hauptsache, es passt menschlich. „Die Kollegin oder der Kollege sollte das Herz am rechten Fleck haben und ähnlich freundlich mit Kunden umgehen, wie ich es tue“. Das empathische Eingehen auf seine Tätowierkunden ist wohl Melvins wichtigstes Erfolgs-„Geheimnis“: Tätowiert zu werden, womöglich sehr großflächig, ist etwas emotional viel tiefer Gehendes als ein neuer Haarschnitt oder ein Termin beim Physiotherapeuten. Freilich würde die emotionale Bindung von Stammkunden nicht funktionieren, wären Melvins Tattoos nicht top. Sind sie aber!

Zum Persönlichen. Melvin ist die Ruhe in Person. Großstadt, gar Köln oder Berlin, wo er noch nie war, würden ihn zu sehr stressen. Generell achtet er auf eine gesunde Work-Life-Balance, gönnt sich genug Freizeit und Urlaub. Damit stimmt er voll mit seiner Generation überein, ob nun Verwaltungsangestellter oder Allgemeinärztin. Wenn ihn überhaupt etwas kribbelig werden lässt, ist es seine Lust, Motorrad zu fahren. Vor allem am Ende eines Winters. Beeindruckend, seine eigene Harley Davidson. „Sehnsüchtig warte ich auf die neue Saison“, bekannte er im Februar. Zu seinen sportlichen Aktivitäten zählt vor allem das Klettern. Bei Kälte mehrmals in der Woche in einer Hersbrucker Kletterhalle, ab dem Frühjahr wieder in der imposanten Felsenwelt der Fränkischen Schweiz vor seiner Haustüre. Im Sommer ist er mit dem Camper unterwegs. Van Life, nicht weil es gerade ein Freizeit-Trend ist: „Camping ist cool“.

Die Rückenprobleme seit seiner Jugend werden durch die stundenlange Zwangshaltung beim Tätowieren natürlich nicht besser. Doch das Klettern hilft dagegen. So legt Melvin offensichtlich die perfekte Lebensführung für einen Tätowierer hin, um lange der Liebe seines Lebens treu bleiben zu können. „Wenn es eines Tages nicht mehr geht, geht es nicht mehr.“ Deshalb macht er sich bereits Gedanken zu seiner Altersvorsorge als Selbstständiger. Anders als viele andere, auch viel ältere Tätowierer.

Dass er ausgebucht ist, liegt sicherlich auch an seiner stilistischen Vielfalt. Wobei er „Allrounder“ als „schwierigen Begriff“ empfindet, wohl als eher abwertend. Denn klare Vorlieben hat er auch, wenn er sich auf der Haut seiner Kunden ausagieren darf. „Ich arbeite gerne hoch kontrastreich, mit feinem Pepper-Shading, und mit negativen Flächen, also frei gelassener Haut.“ Zugleich gilt: „Mir macht die Abwechslung Spaß. Ich muss nicht immer ‚meinen Stil‘ machen.“ Farbe ist dabei tabu. Auf seiner eigenen Haut und auf der seiner Kunden. „Schwarz ist beständig. Außerdem zweifle ich an der Qualität der neuen Farben. Sie haben nicht mehr die Farbbrillanz von früher.“


Paaradox Tattoo, mit doppelt „a“. Ein schönes Wortspiel mit Melvins echtem Nachnamen „Paa“ und dem Wort für in sich Widersprüchliches, „paradox“. Auch das Corporate Design für sein Studio hat Melvin selbst entwickelt. „est. 2018“: In diesem Jahr erhielt Melvin seinen ersten Gewerbeschein.

Service

Paaradox Tattoo

Rudolf-Wetzer-Str. 1, 91217 Hersbruck

Tel.: 09151 9071063

Instagram: @paaradoxtattoo

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