Künstlerportrait: Florian Riffel, Autark Tattoo (Berlin)
Stories in schwarzgrau
„Seit ich mich mit dem Tätowieren beschäftige, gilt meine Leidenschaft dem schwarzgrauen Stil“, bekennt Florian Riffel (42). Black-work hat er probiert, „sieht super geil aus“. Doch dem Ausfüllen schwarzer Flächen kann er nicht so recht den möglicherweise meditativen Reiz abgewinnen, „da fehlt mir die Abwechslung“
Fotos: Barbara Dietl,
exklusiv für INK SOCIETY
Text: Volker Müller-Veith
„Autark Tattoo“ nennt sich sein Tattoostudio. „Das Tattoostudio in Deutschland“, lautet der Untertitel. „Ich habe mich lange mit Marketing beschäftigt“, erzählt der Ehemann und Vater zweier Töchter, 16 und 20 Jahre alt. Selbstbewusst erklärt er: „Ich wollte eine starke Positionierung. Wenn heute viele Tätowierer versuchen, mit Erklärvideos Kunden zu gewinnen, kann ich nur sagen, ich habe damit vor rund fünf Jahren begonnen, bin damit voran gegangen.“ Einem anderen aktuellen Marketing-Trend von Tattoostudios vermag er gar nichts abzugewinnen, der Werbung mit Comedy-Reels. „Die Leute kommen nicht, weil du lustige Dinge machst“, ist er überzeugt. Ihm geht es darum, sich und seine Überzeugungen darzustellen, „nicht darum, dass dich andere Tätowierer liken.“ Vielmehr liegen ihm seine Kundinnen und Kunden am Herzen: „Herzlich willkommen im Autark – dem familiären Tattoo- und Piercing-Studio, in dem die Haut zur Leinwand wird und aus Begegnungen Freundschaften entstehen“, formuliert er auf seiner Website.
Der gebürtige Spandauer baut auf eine recht bunte berufliche Biografie auf. Nach dem Realschulabschluss absolvierte er eine Ausbildung zum technischen Zeichner. Damals sehr aktiv in der BMX- und Mountainbike-Szene arbeitete er für einen Münchner Fahrradrahmen-Hersteller. Um dann nach bestandenem Fachabitur einige Semester Maschinenbau zu studieren. Ein schwerer Motorradunfall und versäumte Anwesenheiten in Seminaren führten raus aus dem Studium und rein in eine Technikerschule. Mit Mitte zwanzig ließ er sich zum ersten Mal tätowieren. Den Schriftzug „Ride for Life“ am rechten Innenarm. Motorrädern gehört seine Leidenschaft. „Leider hat die Motorradkultur heute nicht mehr den Stellenwert wie früher“, bedauert er. Er selbst gehört keinem Club an, spricht aber „mit allen auf Augenhöhe“, wie er frei von Wertung formuliert.
Nach Stationen u.a. in Daniel Krauses „Classic Tattoo“ in der Torstraße in Berlin-Mitte („Eine lustige, skurrile, aber auch solide Zeit“) eröffnete er 2014 sein erstes eigenes Tattoostudio in Charlottenburg. Seit 2018 residiert er nun am Spandauer Damm 1. „Residiert“ ist genau das richtige Wort, denn das Grundstück, auf dem sein Studio steht, gehört zum schräg gegenüber liegenden Schloss Charlottenburg. Aus einem Team von einst 21 Leuten ist aktuell eines von rund 12 geworden: „Es gibt nicht mehr die Masse an Kunden.“ Zur Crew gehört seit etwa zwei Jahren auch Miss Nico, nachdem sie ihr Studio in Friedrichshain geschlossen hatte.
Schlimm ist die Verkleinerung des Teams nicht für ihn. So kann er sich umso mehr um seine Studio-Community kümmern. Und ein engagierter Kümmerer ist er. Einmal in der Woche wird in der großen Studioküche gemeinsam gekocht. „Ich gehe sehr wertschätzend mit meinen Kunden und meinem Team um. Man teilt untereinander Lebenssituationen und bespricht sie. Ein Kunde war in einer depressiven Krise und ging nach dem Tätowiertermin gut gelaunt nach Hause.“ Was natürlich keine Psychotherapie ersetzt. Überhaupt wirken seine Kundinnen und Kunden nicht wie Lifestyle-Heroes. Sondern wie ungekünstelte arbeitende Bevölkerung, der Tattoos ein inneres Bedürfnis ist.
Hals- und Handtattoos findet Florian cool. Sich selbst so schmücken zu lassen, kam für ihn bisher nicht in Frage. „Es hätte mich in der Vergangenheit in vielen Bereichen, wo ich hinwollte, ausgehebelt. Ich will irgendwo den Raum betreten mit meiner Geschichte, meinem Standing und erst einmal durch meine Persönlichkeit überzeugen. Ich möchte Tattoos aus der Nische herausholen, aber nicht indem ich krass auftrete. Ich will seriös aufklären.“
Falls sich die wirtschaftliche Lage in Deutschland stabilisieren sollte und wieder mehr Kunden kommen, plant er, in einigen Jahren mit seiner Frau auf Motorrädern eine längere Reise durch die Welt anzutreten. „Ich habe eine Sehnsucht nach Freiheit und Leichtigkeit, will geil unterwegs sein. Tattoos von der Reise sind dann die Erinnerung.“
Service
Autark Tattoo & Piercing Berlin
Spandauer Damm 1, 14059 Berlin
Tel.: 030 34356030
Instagram: @tattoo_autark
