Künstlerportrait: Ulrich Krammer, Face the Fact (Linz/ Österreich)

Ulrich – Das ist Fakt!

Ganz im Stillen ist der Österreicher Ulrich Krammer (41) einer der ganz großen Tattookünstler im deutschsprachigen Raum. Kein Starruhm, kein Hype, aber Fakt. So schaut’s aus.

Fotos: Matthias Garvelmann (2017),
exklusiv für INK SOCIETY
Text: Volker Müller-Veith (2026)

Viele von Ulrichs Kunden kommen seit vielen Jahren zu ihm. Wer sich einmal entschieden hat, seinen Körper von ihm gestalten zu lassen, bleibt bei ihm. Beim Meistertätowierer in Linz an der Donau. Zum Beispiel Martin Böhm (37) aus Ingolstadt in Bayern, Entwicklungs-Ingenieur bei einem großen Zulieferer in Sachen Fahrzeugsicherheit für AUDI und BMW. Als INK SOCIETY Martin 2017 das erste Mal getroffen und fotografiert hat, als 28-jährigen, war er schon zehn Jahre lang zu Ulrich gepilgert. Bis fast keine Stelle seines Körpers mehr Platz bot für weitere Körperkunst. Der perfekte Antipode zu deutlich jüngeren Tattoofans, die sich erst einmal Hals und Hände zuballern lassen. Damit auch im tiefsten Winter jeder sieht, was für eine coole Socke er (oder inzwischen auch sie) ist. Der Rest des Körpers? Bleibt blass. Erst einmal oder für immer. Ganz anders Martin. Aus beruflichen Gründen will der Ingolstädter in der Wahrnehmung seiner Umgebung häufig als Untätowierter erscheinen, wenn er sich entsprechend anzieht. Als seriöser junger Ingenieur, der aus traditionell bayerischem Blickwinkel natürlich keine Hautbilder tragen darf. Dabei gibt es außer Hals, Händen und Gesicht kaum eine Stelle, die unbebildert ist. Selbst beide Fußsohlen hat Ulrich bleibend geschmückt. Das ist Fakt.

Martin Böhm (28), Ingenieur aus Ingolstadt in Bayern, pilgerte über zehn Jahre lang zu Ulrich Krammer nach Linz (im Jahr 2017)

„Ich habe mich anders gefühlt als alle anderen“, sagt Ulrich über seine Kindheit und Jugend. Das gelte auch heute noch. „Ich sehe mich immer noch als anders als viele andere. Ich bin gewohnt, dass Leute mit dem Finger auf mich zeigen. Oberflächliches Gelabere hasse ich. Bevor ich so mit jemandem spreche, sage ich lieber gar nichts.“ Bei einem Provinztätowierer im Linzer Nachbarbezirk Perg bekam er seine ersten Tattoos. „Mit 18 dann einiges von Mäx in Bad Ischl. Da tätowierte damals auch Bammer.“ Bammer! In den frühen Nuller Jahren der Star in Sachen Comic-Style. „Ich habe Bammer nachgeeifert“, bekennt Ulrich, „er war mein Vorbild, mein Ideal.“ Seine eigenen Arbeiten hätten einige Zeit lang denen seines Idols sehr geähnelt, erzählt er offen. „Bammer nahm mich dann einmal zur Brust und sagte: So geht das nicht. Das hat gesessen. Schön war: Er hat es mir menschlich korrekt vermittelt. Bammers Ansage war für mich der Knackpunkt zu sagen: Ab jetzt bin ich ich!“ Ulrich hat sich nun gar nicht mehr mit seinem ehemaligen Vorbild beschäftigt. Bewusst vermied er, sich die Tattoos des Älteren anzuschauen. „Daraus ist dann ‚meins‘ entstanden.“ Heutzutage arbeitet Bammer ab und zu in Ulrichs „Face the Fact“-Studio.

Meinhard (38), angestellter Architekt aus Insbruck (im Jahr 2017)

Ralf (31), Chemieverfahrenstechniker aus Linz (im Jahr 2017)

Sich selbst betrachtet der Linzer Meistertätowierer als Christ. Wenn auch aus der katholischen Kirche ausgetreten. „Die ist alles andere als christlich“, sagt er. „Ich weiß, sich als christlich orientiert zu bezeichnen, ist heutzutage uncool. Wo doch verdrehte Kreuze im Trend liegen.“ Das Thema ist für Ulrich keine private Nebensächlichkeit. Sein Gottesbild: „Meines Erachtens haben Welt und Mensch einen Anfang und ein Ende. Wir sind kein Zufallsprodukt, keine Laune der Natur.“ Schon in diesem Bekenntnis zum eigenen Glauben zeigt er sich als Unabhängiger von den Massenströmungen der Zeit. Das ist er auch in seiner Tätowierkunst. Beides macht ihn so besonders als Mensch und Tätowierer. „Ich habe mit Graffiti- und Comic-Tattoos angefangen. Mittlerweile steche ich häufig biblische Motive. Ich lese viel Sinnhaftes und Gutes aus der Bibel. Sie hat gute Antworten auf Streitfragen, ist ein toller Ratgeber bei zwischenmenschlichen Problemen.“

Christliches, Biblisches tätowiert. Links eine Maria, rechts ein Drache/ Leviathan (im Jahr 2017)

In Ulrichs Privatleben spielen seine neue Freundin und Tochter Nora (10) aus einer früheren Beziehung eine große Rolle. Als wir ihn zum ersten Mal 2017 getroffen haben, war Nora gerade einmal eineinhalb Jahre alt. Damals sagte er: „Sie hat alles in meinem Leben verändert. Wie ein Leben entsteht, ist für mich ein Wunder. Aus dem Nichts kommend, organisch wachsend.“ Sehr grundsätzliche Fragen stellt er sich. „Was gibt einem Lebewesen den Input, dass ein Herz wächst, anfängt zu schlagen und dann ein Leben lang schlägt?“ Bleibend beeindruckt hat ihn die Geburt der Tochter, als er „ein kleines Ich vor sich hatte, die Nabelschnur durchschnitt. Auf seine eigene Kindheit und Jugend hat er zurückgeschaut und sich gefragt: „Was willst du diesem Menschen mit auf den Weg geben?“ Daraus hat er Konsequenzen gezogen. „Ich habe alles nicht Lebensbejahende von zuhause verbannt, viele Bücher und DVDs weggeschmissen. Meine Tochter soll das nicht sehen.“ Wer das hört, versteht sofort, dass er für Horror, Fratzen, Dunkles als Tattoomotive nichts übrig hat. „Totenköpfe lasse ich gelten, denn ein Schädel steckt in jedem Menschen drinnen. Auf die Art der Darstellung kommt es an.“

li., Patrick Gurl (27), Baumaschinen-Mechaniker aus Linz

re., Patrik Linzgeseder hat sich von Ulrich Krammer staats- und kapitalismus-kritische Hautkunst stechen lassen. („Patrik“ ohne „ck“!)

Nichts als die nackte Wahrheit: das ist die Botschaft von „Face the Fact“, dem Namen seines Tattoo- und Art-Studios. „Nichts verschleiern, mehr sein als schein, sich den Dingen stellen“ – Ulrichs Beschreibungen, was er mit „Face the Fact“ aussagen wollte und will, zeugen von großer Lebensklugheit und Selbstreflexion. „Kaum einer steht heute noch zu sich oder hinterfragt sich selbst oder gesteht sich etwas ein. Einen Sündenbock zu suchen, ist die leichtere Variante.“ Und so verwundert auch nicht, wenn er angenehm ungeschminkt sagt: „Ich bin gerne für mich alleine und umgebe mich ansonsten mit Gleichgesinnten. Mit der ‚Tattooszene‘ identifiziere ich mich nicht. Da gibt es viel Unechtes und Aufgesetztes.“

Zuerst hieß Ulrichs Studio „King’s Company“. Doch es gab schon eine Behinderten-Organisation mit diesem Namen. Er dachte über den Namen „Two Face“ nach. So heißt der Bösewicht bei „Batman“. „Ich bin fasziniert von Gegensätzen. Sowohl optischen, als auch menschlichen. Von Gegensätzen – und wie sie zusammenspielen.“ Sein Studioname sollte mit Tätowieren nichts zu tun haben. „Er soll unter jedes Produkt von mir passen und Sinn ergeben.“ Das tut er nun. Face the Fact: So schaut’s aus.

Service

Face the Fact

Graben 8, A-4020 Linz/ Österreich

Tel.: 043 650 4225090

facethefact.at

Instagram: facethefacttat2.de

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